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▼ Zielgruppen ▼

Institut für Katholische Theologie

Ausrichtung

Religiöse Pluralisierung und Säkularisierung sind komplexe gesellschaftliche Prozesse, die in unterschiedlichen Kontexten eine unterschiedliche Dynamik entwickeln. So kann die Pluralisierung die Säkularisierung vorantreiben, indem sie den Einfluss von Glaubensgemeinschaften schwächt, sie kann aber auch umgekehrt dazu führen, dass eine Vielfalt von neuen Glaubensgemeinschaften entsteht und der Wert von religiösen Lebensformen insgesamt steigt. Mit beiden Entwicklungen sieht sich das Christentum konfrontiert. Während in einigen Ländern, insbesondere in der westlichen Welt, eine Entkirchlichung festzustellen ist, kann in anderen Ländern eine Zunahme an christlichen Lebensformen und Gemeinschaften verzeichnet werden. Auf beide Herausforderungen müssen etablierte christliche Gemeinschaften und Kirchen reagieren. Diesen Herausforderungen gilt es nicht nur praktisch, sondern auch wissenschaftlich zu begegnen. Daher kommt der Theologie, die sich theoretisch fundiert und methodisch reflektiert mit Religion beschäftigt, eine zentrale Aufgabe zu. Sie muss nach der Funktion und dem Wert von religiösem Glauben und religiöser Praxis in einer pluralistischen und teilweise säkularen Gesellschaft fragen. Dies gilt auch für die Katholische Theologie, die sich auf der Basis von bestimmten normativen Texten und Glaubenslehren im Rahmen einer über Jahrhunderte gewachsenen Tradition religiösen Fragestellungen widmet. Die grundgesetzlich garantierte Wissenschaftsfreiheit ermöglicht eine eigenständige und kritische Auseinandersetzung mit diesen Fragestellungen.

Für die inhaltliche Ausrichtung und das Forschungsprofil des Instituts für Katholische Theologie ergeben sich daraus vier Konsequenzen:

Erstens sollte sich dieses Institut auf theoretisch gesicherter Grundlage mit den normativen Texten und Glaubenslehren beschäftigen, die für das Christentum im Allgemeinen und den Katholizismus im Besonderen von zentraler Bedeutung sind. Es gilt, den Wahrheits- und Bedeutungsgehalt (biblischer) Schriften zu erschließen, sie historisch-kritisch aufzuarbeiten und für heutige Lebensfragen fruchtbar zu machen. Zudem gilt es, die lange Tradition des Christentums in den Blick zu nehmen und dabei auf Kontinuitäten ebenso wie auf Diskontinuitäten zu achten. Dabei ist einer methodischen Reflexion über den eigenen Zugang zu Texten und anderen Quellen besondere Beachtung zu schenken, denn nur eine solche Reflexion ermöglicht eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Forschungstraditionen.

Zweitens sollte das Institut den genannten Herausforderungen Rechnung tragen und theologische Forschung stets mit Blick auf den pluralistischen und säkularen Kontext, der in der Metropole Berlin besonders deutlich sichtbar ist, betreiben. Es gilt, Theologie gesellschaftlich zu verankern und in engem Kontakt zu religiösen und nicht-religiösen Gemeinschaften zu zeigen, welche Relevanz religiöses Denken besitzt. Gleichzeitig gilt es aber auch, über die Gefahren und Versuchungen eines solchen Denkens (etwa in Gestalt eines religiösen Fundamentalismus) zu reflektieren. Dabei sollte stets die historische Dimension berücksichtigt werden, denn gerade in dieser Dimension zeigt sich, wie verschiedene Glaubensformen (darunter auch fundamentalistische) in bestimmten Konstellationen entstanden sind und sich verändert haben.

Drittens sollte das Institut angesichts des religiösen Pluralismus eng mit anderen wissenschaftlichen Institutionen, die sich in Lehre und Forschung mit Religion beschäftigen, zusammenarbeiten. Dies sind an der Humboldt-Universität die Fakultät für Theologie und das gleichzeitig entstehende Institut für Islamische Theologie, an der Freien Universität das Institut für Judaistik und in Potsdam das Abraham Geiger Kolleg, das Institut für Jüdische Studien und das Kanonistische Institut. Zudem ist auch eine Kooperation mit der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, der KHSB und mit anderen theologischen Studienorten anzustreben. In der Auseinandersetzung mit verschiedenen Ausprägungen der jüdischen, der christlichen und der islamischen Tradition zeigt sich, wo die gemeinsamen Wurzeln liegen, wo aber auch die spezifischen Differenzen bestehen und wo es Konflikte ebenso wie Dialoge gegeben hat und immer noch gibt.

Viertens schließlich sollte das Institut eng mit anderen geistes- und sozialwissenschaftlichen Instituten der Humboldt-Universität zusammenarbeiten. Dies ist einerseits in methodischer Hinsicht von Bedeutung, weil die Theologie sich verschiedener Methoden bedient (beispielsweise philologisch-historischer, systematisch-analytischer und auch empirischer Methoden) und sich in der Kooperation mit Nachbarfächern sich einerseits immer wieder selbst erneuern, andererseits die Nachbardisziplinen fruchtbar anregen kann. kann. Im Vordergrund stehen dabei die Klassische Philologie, die Geschichtswissenschaft, die Philosophie, die Soziologie, die Ethnologie, die Kulturwissenschaft, die Kunst- und Bildgeschichte und die Rechtswissenschaft. Andererseits ist eine Zusammenarbeit mit diesen Fächern auch in inhaltlicher Hinsicht wichtig, weil Phänomene der Pluralisierung und Säkularisierung gerade in diesen Fächern intensiv untersucht werden, und zwar in historischer ebenso wie in systematischer Hinsicht. Wichtig ist auch eine Zusammenarbeit mit den Lebenswissenschaften, weil vor allem bioethische Fragen in der Theologie nur im Dialog mit der Biologie und der Medizin fachlich fundiert diskutiert werden können.

In verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen gewinnt gegenwärtig die Globalgeschichte immer mehr an Bedeutung. Darunter ist kein besonderer Forschungsgegenstand zu verstehen, sondern eine Forschungsperspektive. Die globalgeschichtliche Perspektive kann vor allem in der theologischen Anthropologie einen wichtigen Beitrag leisten. Sie ermöglicht es nämlich, anthropologische Untersuchungen nicht auf vertraute Kontexte zu begrenzen, sondern den Blick über Europa und die westliche Welt hinaus auszuweiten. So kann sie verdeutlichen, wie bereits im frühen Christentum theologische Konzeptionen der Person in Auseinandersetzung mit paganen Konzeptionen entstanden sind, sie kann christliche Auffassungen mit jüdischen, islamischen oder anderen religiösen Auffassungen vergleichen, und sie kann aufzeigen, wie das Christentum in der konkreten Begegnung mit anderen Lebensformen die Würde von Personen geachtet oder missachtet hat. Dabei kann sie auch die Geschlechterperspektive berücksichtigen, etwa indem sie darauf achtet, wie in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Geschlechterrollen für Personen festgelegt wurden. Zudem kann sie sichtbar machen, wie in der Konfrontation mit fremden Konzeptionen die eigene Konzeption geschärft oder auch verändert worden ist. Schließlich wirft sie auch die grundlegende Frage auf, wie die eigene Konzeption im Vergleich zu anderen religiösen oder nicht-religiösen Konzeptionen begründet werden kann. Auf jeden Fall eröffnet die globalgeschichtliche Perspektive ein weites Forschungsfeld, und in dieser Perspektive sollte der Grundansatz einer theologischen Anthropologie für die Entwicklung des neuen Instituts maßgeblich sein.